Kapitel 1
Erra
Der Tag beginnt wie immer.
Das Licht geht an. Grellweiß. Keine sanfte Dämmerung, kein Sonnenaufgang. Einfach ein Schalter, der mich aus dem Nichts zurück ins Jetzt reißt. Ich öffne die Augen, exakt in dem Moment, in dem es von mir erwartet wird.
07:00.
Aufstehen. Kleidung anlegen. Funktionale Uniform in mattem Grau. Keine Farbtöne, keine Abzeichen, kein Ausdruck. Meine Hände bewegen sich automatisch, jeder Griff sitzt. Effizienz ist alles. Nicht denken, nicht fühlen. Dies führt nur an einen Ort, den ich hinter mir gelassen habe.
Früher, vielleicht, hätte ich die Stille in meiner Wohnung seltsam gefunden. Jetzt ist sie beruhigend. Stille bedeutet Ordnung. Und Ordnung bedeutet Sicherheit.
07:05.
Der Spender an der Wand surrt und gibt die tägliche Dosis frei. Eine klare Flüssigkeit in einem kleinen, grauen Becher. Der Geschmack ist metallisch, ähnlich wie Blut, aber ich nehme ihn kaum noch wahr. Ich schlucke es hinunter, ohne zu blinzeln. Emotionale Stabilisierung abgeschlossen, meldet die KI-Stimme in meinem Ohr. Ich nicke, obwohl niemand mich sieht.
07:10
Trainingseinheit. Kampfsequenzen, Schussübungen, Szenarien. Mein Körper gehorcht, meine Gedanken bleiben leer. Das ist gut. Denken macht schwach. Fühlen macht schwach. Ich bin nicht schwach. War es noch nie.
Die Medikamente funktionieren.
09:00
Briefing. Die Stimme aus dem System teilt mir den neuen Auftrag zu. Routineoperation, Kontrollstation überprüfen. Keine weiteren Handlungen. Nur Ausführen.
Der Tag läuft weiter. Ich laufe weiter. Immer weiter.
Sektor 4 liegt hinter den Mauern, in denen ich mich die meiste Zeit bewege. Meine Freigabe für die Solomissionen in anderen Sektoren ist noch nicht allzu lange her. Die Fahrt verläuft in einem Transportmodul. Ein länglicher, fensterloser Kasten, der mit einem leisen Surren über die magnetischen Bahnen gleitet. Nicht viele Plätze sind belegt. In seinem Inneren gibt es nur Stille. Kein Blickkontakt. Nur das leise Summen der Maschinen und die Stimme des Systems, die alle paar Minuten Statusupdates gibt. Die äußeren Gebiete sind nicht so beliebte Reiseziele. Nur wer beruflich dorthin geschickt wird, fährt freiwillig dorthin.
Verbleibende Zeit bis Ankunft: 65 Minuten
Ich sitze reglos. Meine Hände ruhen auf den Oberschenkeln, der Rücken durchgedrückt. Der Blick starr auf die Wand vor mir. Normalerweise laufen auf der spiegelnden Oberfläche vor mir Kampagnen zu dem System. Neue wissenschaftliche Errungenschaften, Erkenntnisse über die Fortschritte der Gefühlblocker, Umfragen und Statistiken. Es ergeht uns jetzt besser. Doch heute sehe ich nur mich. Seltsam. Nicht einwandfreie funktionierende Gerätschaften sieht man selten. Den Mechanikern entgeht nie etwas. So schaue ich nur in mein eigenes Spiegelbild, welches mir fremd wirkt. Die blassgrauen Augen starren mich nicht an, sie schauen durch mich hindurch. Ich bleibe reglos sitzen.
Verbleibende Zeit bis Ankunft: 2 Minuten
Sektor 4. Nicht so sauber wie die inneren Kreise, nicht so kontrolliert. Hier ist die Luft schwerer, der Boden oft rissig und die Gebäude tragen die Narben vergangener Aufstände. Hier gab es bis zu letzt Unruhen. Solange bis alle Menschen verstanden haben, dass es besser so ist. Wer sollte jemals so freiwillig leben wollen, mit dem ganzen Chaos um und in einem herum?
Die Türen gleiten lautlos zur Seite. Ein Hauch von fauliger Feuchtigkeit dringt in das sterile Modul. Ich steige aus und für einen Moment bleibe ich stehen. Das Gefühl von unebenen Steinen unter meinen Stiefeln irritiert mich. Ich bin glatte Böden gewöhnt. Der Himmel ist verschleiert, graue Wolken hängen tief und der Wind trägt den Geruch altem Rauch und Asche mit sich.
Ich setze mich in Bewegung. Kein Zögern mehr, keine Fragen. Nur der nächste Schritt bis ich die Aufgabe beendet habe.
Ich gehe die Straße entlang, die mehr aus Rissen und Löchern besteht als aus richtigem Boden. Meine Stiefel setzen sich bei jedem Schritt mit einem dumpfen Geräusch in den Dreck. Sie sind jetzt schon dreckiger, als sie es jemals waren. Man erkennt, dass noch nicht alles perfekt in unserer Welt ist. Überall hängen von den Gebäuden Kabel herunter. Kaum ein Fenster ist intakt.
Mein Atem bleibt flach. Die Luft ist schwer, stickig. Hier riecht alles nach Metall, Staub und Asche. Ich hätte eine Maske mitnehmen sollen aber in den Anforderungen stand nichts davon. Ich sollte meine Standardausrüstung angleichen.
Das Ziel, eine alte Kontrollstation ist nicht mehr weit entfernt. Früher war es ein wichtiger Knotenpunkt, an dem Informationen ausgetauscht wurden. Jetzt wird er jedoch kaum noch genutzt, zu weit draußen, zu wenig Relevanz für das System. Doch bald soll Sektor 4 wieder an alles angeschlossen werden und ich bin beauftragt, eine erste Bestandsaufnahme durchzuführen.
Ich überprüfe meine Ausrüstung. Kommunikationslink aktiv, Körperkamera läuft, vorgeschriebene Waffe, sobald wir uns in einem Randbezirk befinden, gesichert. Die Berichte sagten, es gäbe keine Gefahr. Routinemission. Das sollte schnell erledigt sein und dann ist eine gründliche Reinigung nötig.
Ich biege um die Ecke. Vor mir taucht die Station auf. Ein quadratischer Betonklotz mit einer rostigen Tür. Ein leichter Wind weht über mich hinweg. Ich bekomme eine Gänsehaut und stutze über diese Reaktion meines Körpers. Der Wind ist nicht kalt. Also warum reagiert mein Körper so? Ich schaue mich intensiv um und sehe nichts. In keinem Gebäude, hinter keinem eingeschlagenen Fenster oder eingetretenen Tür entdecke ich eine Bewegung oder etwas Ungewöhnliches. Nur ein Spiel aus Licht und Schatten. Ich bin alleine.
Ich wende mich wieder der Kontrollstation zu und gehe über die Kreuzung. Mein Blick ist starr auf die Tür gerichtet. Rein, Bestandsaufnahme, raus, fertig. Die Tür lässt sich schwer öffnen. Mit all meiner Kraft ziehe ich an der rostigen Klinke und habe Bedenken, das sie eher abreißt, als das ich die Tür aufbekomme. Mit einem lauten Knarren geben die Türangeln nach. Während ich hineingehe, nehme ich gleichzeitig meine Taschenlampe in die Hand und schalte sie an. Staub wirbelt in den Schein der Lampe umher. Innerlich notiere ich, in meinen Endbericht eine Empfehlung zum Tragen einer Maske abzugeben.
Routiniert fange ich an alles in den Kommunikationslink an meinen linken Unterarm einzugeben und mit der Bodycam jeden Winkel aufzunehmen. Ein lauter Knall reißt mich aus meiner Konzentration. Ich fahre herum und sehe, dass die Tür zugefallen ist. Aber das ist nicht alles. Im Schatten, links neben der Tür entdecke ich einen Mann. Den Lichtschein meiner Taschenlampe halte ich weiter auf die Tür gerichtet, so das die Bodycam ihn nicht aufnimmt. Wir beide stehen still da. Er und ich.
Seine Lippen formen nur ein Wort.
„Elara.“
Eine Stimme. Ein Wort. Und mein ganzer Körper friert ein. Es gibt keinen Grund, warum dieser Name sich so falsch und doch so richtig anfühlt. Er hallt in meinen Kopf wie ein Echo.
Ich sehe ihn an. Ganz ruhig steht er da. Keine erkennbare Uniform, keine Waffe in der Hand. Nur dieser Blick, als hätte er mich gesucht und gefunden. Seine Lippen formen diesen Namen noch einmal. Elara.
Ich weiß nicht, ob ich angreifen oder weglaufen soll. Mein Körper entscheidet für mich.
Ein kleines Dankeschön
Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit.
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2 Kommentare
Daniel Redmann
Die Geschichte ist sehr Futuristisch und nimmt mich bisher voll mit ich bin sehr gespannt wie es weitergeht Nova.
Kati
Auf den ersten Blick ist es futuristisch zumindest der Prolog. In der Geschichte hab ich mich so ein bisschen wiedererkannt….