Sonnenuntergang am See

Der Boden ist feucht und hart unter mir. Die Nässe durchweicht meine Hose und dringt immer tiefer hinein. Durch meine Unterwäsche, bis zu meiner Haut. Zeigt ihrer Freundin die Eiseskälte den Weg.
Sie beißt zu, freut sich darauf hier draußen doch noch ein Stück Wärme gefunden zu haben, was sie verschlingen kann und sich ihr so bereitwillig hingibt. Denn das tue ich.
Die Kälte, die Natur, der See vor mir, ganz egal was, soll mich mitreißen und alles in mir auslöschen. Ich bin sinnlos. Alles ist sinnlos.
Ich habe nicht aufgegeben, nicht entschieden das ich oder mein Leben nichts wert sind. So war das nicht.
Ich habe gekämpft wie eine Löwin, alles was ich hatte gegeben, meine Prinzipien und Regeln gebrochen. Um dann fest zu stellen, dass es nicht reicht. Es stand von Anfang an fest, dass nichts genügen würde und am Ende blieb mir nur die Erkenntnis, dass ich nicht ausreichte. Ich nicht genügte.
Und nun sitze ich hier. Heiße die Kälte willkommen, da sie das Einzige ist, was ich noch spüre. Ich habe mich in den Kampf verloren und muss mit der bitteren Wahrheit mein Leben wieder aufbauen.
Es ist mein Leben, doch ich habe es nicht alleine in der Hand. Es gibt Ereignisse, bei denen ich noch so oft nein schreien konnte. Sie rollten trotzdem unaufhaltsam auf mich zu. Ich bin mein eigenes Glückes Schmied. Aber wenn ich erschöpft bin und eine Pause brauche, nimmt jemand anderes den Hammer.
Dann bin ich machtlos. So verdammt hilflos.
Die Sonne geht gerade unter und setzt alles in Brand. Die schwarzen kahlen Bäume am Ufer gegenüber trotzen dem Feuer und heben sich dem immer roter werdenden Himmel entgegen. Doch der See gibt sich ihm ganz hin. Er saugt gierig alles in sich auf. Jede Farbnuance spiegelt er. Selbst Wasser beugt sich der Sonne und geht in Flammen auf. Und mir bleibt nur die Rolle des staunenden Schauspielers.
Aus meinen Augen stehlen sich ein paar Tränen. Das immer noch welche da sind erstaunt mich, war ich davon ausgegangen keine mehr zu haben.
Ich lasse sie laufen. Ihren Weg mein Gesicht hinab alleine bestimmen, bis sie von meinen dicken Schal aufgesogen werden.
Die letzten Wochen haben mich gelehrt, dass Tränen nicht aufzuhalten sind. Für eine bestimmte Zeit können sie unterdrückt werden aber sie sind wie Lawinen. Sie finden ihren Moment. Umso länger versucht wird, sie zu unterdrücken, umso heimtückischer und rücksichtsloser überfallen sie dich. Aber wenn du Glück hast, schwemmen sie einen Teil deiner Gefühle hinaus. Es stimmt schon, das Weinen guttut. Eine kleine Zeit lang. Wenn man nicht in einer zu großen Lawine begraben wird.
Die Sonne hat es unter den Horizont geschafft. Nur noch das Farbspiel am Himmel lässt ihre Existenz erahnen. Sie erhellte nun einen anderen Teil der Welt. Einen mir unbekannten über den großen Ozean. Orte die wir gemeinsam erkunden wollten.
Einige kennst du schon und wolltest sie mir zeigen. Deine Lieblingsstellen. Deine ruhigen Fleckchen Erde, die dich inspiriert haben. Wir hatten so viele Pläne und alle sind mit uns untergegangen. Die Zukunft sollte rosig vor uns liegen. Wir sollten darauf warten, welche wunderbaren Tage sie noch für uns bereit hält. Hand ind Hand sie freudig begrüßen. Jedoch wird nichts davon geschehen.
Wir mussten erkennen, dass keine gemeinsame Zukunkft auf uns wartet. Nur Schmerz und Leid kam auf uns zu und hat alles zerstört.
Das knackende Geräusch eines brechenden Astes verrät dich. Nur du kannst es sein. Du hast mich also gefunden. Ich hatte gehofft das du dein Versprechen nicht einhältst. Doch meine Erleichterung straft mich lügen.
Du kommst immer näher. Deine abgetretenen braunen Stiefel an denen überall nasse Bläter kleben, tauchen neben mir auf. Ich höre dich angestrengt Atmen, doch ob du auf mich hinab oder auf das Naturschauspiel schaust, weiß ich nicht. Mein Blick geht weiter gerade aus. Ich werde nicht mehr zu dir hinaufschauen, dass habe ich viel zu lange getan. Du hast uns die letzte Chance genommen. Bist hier um Abschied zu nehmen. Aber ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich dir dafür meine Aufmerksamkeit schenke.
Der See liegt immer noch ruhig da. Zu dieser Jahreszeit schläft die Natur und es ist alles so leise. Dein Atem hat sich mittlerweile ein wenig beruhigt auch wenn du schon einige Male hörbar ausgeatmet hast. Du möchtest etwas sagen aber nichts kam zwischen deinen Lippen heraus. Ich mache es dir nicht gerade einfach aber ich bin auch nicht mehr dafür da, dir irgendwelche Dinge abzunehmen.
Mit einen weiteren Aufseufzen setzt du dich neben mich. Deine Wärme strahlt zu mir rüber und ich fange noch mehr an zu frösteln. Wie lange sitze ich schon hier?
Deine Wärme, deine Ruhe sind zu viel für mich. Ich kann mich deiner Anziehungskraft nicht entziehen und schaue dich an.
Du bist so wunderschön. Auch wenn du es immer kaum ertragen hast, wenn ich es dir gesagt habe. So ist es einfach. In meinen Augen bist du der schönste Mensch auf Erden. Ich weiß ganz genau wie sich dein Gesicht anfühlt. Deine Bartstoppeln piksen meine Handinnenfläche, doch darunter ist deine Haut samtig weich. Mit meinen Zeigefinger zeichne ich die kleine Sichelförmige Narbe unter deinem linken Auge nach. Mein Daumen berührt sanft deine volle Unterlippe die immer etwas trocken ist.
Es wäre so einfach meine Hand auszustrecken und die Erinnerung wahr werden zu lassen aber ich lasse meine Hand in meinen Schoß liegen und schaue dir nur weiter in deine dunklen Augen mit den kleinen goldenen Sprenklern, die hin und her zu schwimmen scheinen. Du siehst mich und ich sehe dich. Deine Augen geben mir die Gewissheit aber ich wusste schon, welch ein Kampf in dir wütet. Das war schon immer so.
Wir brauchten keine Worte, keinen Blick um zu wissen wie es dem anderes geht. Wir konnten es jeder Zeit spüren.
Aber warum kämpft du noch?
Du hast doch viel eher gesehen, dass wir gescheitert sind. Hast erkannt das Jetzt nicht unsere Zeit ist. Das wir in diesem Leben keine Chance haben auch wenn unsere Liebe so unfassbar tief geht.
Nein du hast es nicht gesehen. Du, der Optimist, hast keine Lösung mehr gesehen und einfach aufgegeben. Alleine entschieden das wir am Ende sind. Das es kein „Wir“ mehr gibt.
Plagt dich dein schlechtes Gewissen, jetzt wo es zu spät ist? Bist du hier um mir das zu sagen?
Du schließt deine Augen und drehst dich von mir weg. Hast die Fragen in mir erkannt und verstanden, dass ich still bleiben werde. Ich warte!
Ich bin still wie der See, denn ich habe in deinen Leben nichts mehr zu sagen.
„Weißt du noch als wir das erste Mal hier waren? Du warst so aufgeregt mir deinen Ort zu zeigen. Unsicher ob ich das außergewöhnliche auch erkennen würde.“
Natürlich erinnere ich mich. Ich war so glücklich und zugleich verunsichert. Meine Beine kribbelten, mein ganzer Körper schien zu vibrieren und ich war mir nicht sicher ob wir doch nicht gleich wieder umdrehen sollten. Ich hatte dir so viel von dem See erzählt. Was für eine Ruhe er mir vermittelte und wie er auf wunderbare Weise meine Gedanken ordnete, wenn sie mal wieder ins totale Chaos gestürzt waren.
Niemand hätte ich gedacht das jemand diesen Ort genauso sehen könnte wie ich aber ich wollte ihn dir wenigstens zeigen. Doch als ich damals deine Hand nahm um dich zu führen löste sich alles von mir. Du hattest die gleiche Wirkung auf mich wie der See, du bist mein Seelenort geworden und es wurde mir in dem Moment richtig bewusst als du auf den See schautes und hörbar nach Luft schnapptest.
Du hast sofort diesen Ort so gesehen wie ich. Von da an wusste ich ganz genau das du der Mann fürs Leben bist, aber das sich diesen Leben so dagegn wehren würde ahnte ich noch nicht.
„Damals war ich noch so voller Hoffnung,“ entweicht es mir mit einen kleinen Seufzer.
Ich habe es eher zu mir als zu ihm gesagt.
„Ich doch auch. Das musst du mir glauben!“
Seine Stimme ist nur ein leises raues Krächzen. Die Resignation schwingt in jedem Laut mit. Er weiß das ich ihm diesen Schritt niemals verzeihen kann. Seine Entscheidung sich vollkommen von mir abzuwenden und sein Leben ohne mich weiter zu führen, hat er im vollen Bewusstsein getroffen, ohne mich mit einzubeziehen. Sein Leben, seine Entscheidungen. Das hat er mir deutlich gezeigt.
Für ihn gab es schon viel eher kein Wir mehr.
„Du könntest immer noch mitkommen.“
„Und meine Mum alleine lassen?“
Entnervt schaue ich ihn an. Wie kann er mir immer noch diesen Vorschlag machen?
Ich suche in seinen Gesicht nach Anzeichen ob er es wirklich ernst meint was er da von sich gibt. Dieses Gesicht welches ich immer als letztes vor dem einschlafen gesehen habe und das erste was mir an einen neuen Tag entgegen blickte. 20 Jahre lang.
Ich kenne es in allen Facetten, wütend, glücklich, traurig, hoffnungsvoll aber noch nie hat es mich so resigniert und niedergeschlagen angeschaut. Seine Augen werden feucht als er die Wahrheit erkennt. Das hier ist unser Ende. Ich schiebe meine Ängste und quälende Gedanken beiseite und gebe den Impuls nach ihn zu berühren. Umfasse sein Gesicht mit meinen Händen und ziehe ihn zu mir heran bis wir uns an der Stirn berühren. Beide schließen wir die Augen um den gegenüber ganz zu spüren. Du atmetest hörbar aus und lässt dich ganz gegen mich fallen. Das Gefühl des Scheitern umgibt uns von allen Seiten. Jedes Molekül um uns scheint es uns entgegen zu schreien.
Und dennoch bereue ich nichts. Jeder Tag den ich mit dir verbringen durfte, betrachte ich als Geschenk. Es waren wunderbare Jahre, die uns mehr gegeben haben als uns genommen. Niemand kann seine Reise hervorsehen und unsere Reise hat uns unwiederruflich hierher geführt. Ich kann nicht viel in der Vergangenheit erkennen welches dies geändert hätte. So viele Weggablungen aber ich glaube das Ende war schon immer hier.
Dich zum hier bleiben zu Zwingen würde nur mehr Schaden anrichten. Irgendwann würdest du dich von alleine von mir abwenden, es mir übel nehmen das ich dir diese Chance genommen habe und es würde langsam alles verpesten. Vielleicht würdest du es irgendwann überwinden und mir verzeihen aber eine hässliche Wunde würde es immer bleiben.
Und genauso wäre es anders herum. Du hast mir einige wunderbare Orte gezeigt, mich mit auf deine Abenteuer mitgenommen. Doch während du dich, noch mittendrin in einen schon auf das nächste Abenteuer gefreut hast, habe ich meine Wurzeln vermisst. Die große weite Welt hat mich mehr verängstigt als wie dich magisch angezogen. Ich war glücklich in unseren kleinen Reich und du hast es so lange wie möglich darin ausgehalten.
Wir haben unser bestes gegeben, uns soweit wie möglich angenähert aber am Ende hat es nicht gereicht.
Am Ende werden wir auf unterschiedliche Kontinenten stehen aber uns nie vergessen.
Ein kleines Dankeschön
Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit.
Wenn dir meine Geschichten gefallen, freue ich mich über eine kleine Unterstützung via PayPal. Jeder Beitrag hilft mir, weiterzuschreiben und neue Geschichten zum Leben zu erwecken.



