DU

Es ist dunkel und ein Mann steht unter einer Laterne auf dem Gehweg. Er hat einen dunklen Kapuzenpulli und die Kapuze so tief ins Gesicht geschoben, dass man es nicht sieht.

Meinem rasenden Herzschlag unter Wasser lauschend liege ich in der Badewanne. Nur mein Gesicht ist über der Wasseroberfläche, während ich an die Decke starre und versuche an nichts zu denken. Mit den Gedanken kommen Gefühle und das will ich auf jeden Fall verhindern. Ich konzentriere mich auf meine Atmung. Langsam einatmen, kurz anhalten, ausatmen. An der Decke befindet sich ein Fleck. Von hier aus sieht es aus wie ein Fingerabdruck. Wie der wohl dahin gekommen sein mag? 

Beim Renovieren vielleicht? Es ist so schön beruhigend hier. Das warme Wasser umschließt mich fast vollständig. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt. In meiner eigenen heilen Welt. Nichts kann mir hier etwas anhaben. Keiner kommt hier ungefragt hinein und zerstört meine Idylle. Ich wünschte, ich würde hier für immer bleiben können oder dieses beschützende Gefühl mit nach draußen nehmen können. Die Welt da draußen ist gefährlich geworden. Niemand hätte mich vor dir warnen können, denn niemandem zeigst du dein wahres Gesicht. Wenn du das tun würdest, wärst du schon lange weggesperrt worden, aber das bist du nicht. Du kannst dich noch immer frei bewegen und machst mir mein Leben zur Hölle. Hast es mir zur Hölle gemacht. Hoffentlich!

Ich liege hier in der Wanne und bin endlich sehr weit weg von dir und du hast keine Ahnung, wo ich mich befinde. Während du Richtung Amerika unterwegs bist, dorthin, wohin ich die Fährte für dich gelegt habe, bin ich Tausende Kilometer durch mehrere Umwege, entfernt.

Ich hoffe nur, dass es diesmal für immer ist. Dass ich dir dieses mal für immer entkommen konnte. So viele Male haben wir dieses Spiel schon getrieben. So viele Male habe ich wegen dir einen Neustart machen müssen, doch ich habe immer einen Fehler gemacht. Einen kleinen Fehler, der dich wieder auf meine Spur führte. Ich habe Leuten vertraut, denen ich nicht hätte vertrauen dürfen. Ich habe einen kleinen dummen Fehler im Netz hinterlassen. Ich habe mich in eine Stadt begeben, wo du wusstest, dass ich mich da als Erstes verstecken würde. 

Freundschaften aufgebaut und wieder abgebrochen. Arbeitsstellen angenommen und fallen gelassen. Meine Familie hinter mir gelassen und angelogen. Alles! Alles, um dir zu entkommen.

Du hast mein Leben infiltriert wie ein Parasit und lässt mir keine andere Möglichkeit mehr. Ich bin durch dich der einsamste Mensch der Welt geworden. Der Einsamste und Ängstlichste. Jedes Mal, wenn ich einen Mann in einem blauen Hoodie sehe, kommen alle Gefühle wieder in mir hoch. Angst, Hass, Scham, Wut, Ekel, Beklemmung und noch so vieles mehr. Mein Herz fängt an, gefährlich zu rasen, meine Brust schnürt sich zusammen, ich bekomme kaum noch Luft und mir läuft der Schweiß den Rücken runter. Ich bekomme eine Panikattacke, wie sie im Buche steht, und hasse jede Sekunde, in der ich wegen dir in diesem Gefühl gefangen bin.

Ich war ein lebenslustiger Mensch, aufgeschlossen und neugierig auf die Welt. Ich war der Meinung, dass die Welt mir so viel bereitstellen wird. Auf mich so viele spannende und lustige Abenteuer warten, aber nur du hast auf mich gewartet. Ich habe dich nichts ahnend in mein Leben gelassen und du hast alles zerstört. 

Ein harmloser Kaffee gab den Anstoß. Ein alltägliches Getränk, welches Millionen Menschen täglich miteinander genießen. Du saßt alleine in meinem Lieblingscafé, auf meinem Lieblingsplatz direkt am Fenster mit meinem Lieblingsbuch in der Hand. Du sahst so unscheinbar und harmlos aus, dass ich dich einfach angesprochen habe. Der erste Schritt ging von mir aus und ich frage mich bis heute, was passiert wäre, wenn ich dich einfach links liegen gelassen und mich woanders hingesetzt hätte. 

Aber es war kein Zufall, dass du an diesem Tag, um diese Uhrzeit, an diesem Platz mit diesem Buch saßt, habe ich recht?

Ich habe schon vorher dein Interesse geweckt und hätte ich dich nicht an diesem Tag angesprochen, hättest du schon einen Weg gefunden. Niemals hättest du aufgegeben. Machst du ja immer noch nicht. Egal wie oft und wie energisch ich dir sage oder zeige, wie sehr ich dich doch mittlerweile verabscheue. Doch es geht einfach nicht in dein krankes Hirn. Warst du schon immer so? Gibt es noch andere Frauen, die sich in irgendwelchen Städten ängstlich vor dir verstecken?

Oder bin ich gar die Erste? Habe ich in dir irgendetwas ausgelöst? 

Diese und viele, viele andere Fragen geistern immer wieder in meinem Kopf herum. Du hast es geschafft, dass ich fast jede Sekunde an dich denke, aber nicht so, wie du es dir vorgestellt hast. Wir gehören nicht zusammen, wie du es dir in deinem kranken Hirn zusammenreimst. Ein UNS gibt es nicht und gab es nie. Ich habe einen Kaffee mit dir zusammen getrunken. Einen. Ich fand dich süß in deinem blauen Hoodie und mit deiner zu großen Nerd Brille, die dir ständig von der Nase gerutscht ist. Du sahest so harmlos aus. Doch eigentlich müsste ein riesengroßes blinkendes Schild über deinem Kopf schweben mit der Warnung: 

Achtung! Gefährlich! 

Du gehörst eingesperrt. In Therapie oder einfach nur in eine Gummizelle. Mir gleich. Hauptsache, ich wüsste, dass du nicht mehr an mich rankommen kannst. Aber niemand wollte mir glauben. Niemand glaubte, dass du zu solchen Taten fähig bist, denn du bist clever. Keine Beweise, keine Zeugen, keine Anzeige. 

Meine Gedanken kreisen immer noch um dich. Ich will es nicht, aber ich glaube, ich werde es nie ganz ablegen können, auch wenn ich jetzt in Sicherheit bin. Hoffentlich!

Das Wasser wird langsam kalt und ich steige aus der Wanne. Nach dem Abtrocknen ziehe ich mir den übergroßen kuscheligen Bademantel an und verlasse das Bad. Es ist dunkel draußen und somit auch in der Wohnung. Ich taste mich an der Wand entlang in Richtung Wohnzimmer. Ich könnte das Licht anmachen, aber du weißt, dass ich es nicht tun werde. Die Angst, dass du draußen stehen und mich beobachten könntest, ist einfach zu groß. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Vielleicht habe ich die Fährte zu offensichtlich gelegt und du bist sofort dahinter gekommen. Vielleicht stehst du schon draußen und wartest nur noch auf die Bestätigung, dass ich hierher geflohen bin.

Ich weiß es nicht, aber ich werde definitiv kein Risiko eingehen. Ich achte darauf mich ganz nah an die Wand zu drücken als ich ins Wohnzimmer komme und mich langsam zu den Fenstern vorzuarbeiten. Ich könnte mich dafür selber schellen, dass ich nicht vor dem Bad daran gedacht habe die Jalousien runter zu ziehen. Nun muss es so gehen. Mit mir selbstzweifelnd, ob ich vorher einen Blick nach draußen riskieren soll oder nicht, taste ich mich voran. Es gibt zum Glück nur ein Fenster. Mit wummerndem Herzen stehe ich daneben. Mein Blut rauscht mir in den Ohren, sodass ich nichts anderes mehr höre. Ein kleiner Blick. Schnell den Kopf drehen und einen Blick erhaschen, ob du wirklich nicht draußen stehst. Mehr wage ich nicht. 

1 … 2 … und los. Keiner zu sehen. Schnell lasse ich die Jalousie hinab und gleite auf den Boden. Ich zittere am ganzen Körper. Vom warmen Bad ist nichts mehr in mir. Du entziehst mir all meine Wärme, meine Lebensenergie. 

Aber du bist nicht hier. Die Straße ist leer. Kein Auto, kein Mensch ist zu sehen. Du könntest dich natürlich im Schatten der Nacht verstecken, aber den Gedanken schiebe ich schnell weit weg von mir. Du stehst nicht draußen. Du bist Tausende Kilometer entfernt und wirst mich hoffentlich nie finden.

 Immer noch zittrig stehe ich langsam auf und gehe in den Flur zurück. Ich könnte jetzt quer durchs Zimmer gehen, außer einer Matratze auf dem Boden und zwei Kartons würde mir nichts im Weg stehen, aber die Gewohnheit lässt mich nicht los und so bleibe ich trotzdem dicht an der Wand. Im Flur mache ich immer noch kein Licht an. Es ist noch zu früh sich sicher zu fühlen. Du hast mir zu viele Zwangsneurosen eingebracht. Ich muss noch durch den Spion schauen, ob du nicht draußen im Flur stehst. Es ist schlimmer als der Blick durchs Fenster. Viel schlimmer. Ich würde dich von nahem sehen. Dir direkt in dein Gesicht schauen, nur getrennt durch eine Tür. Ich hasse diesen Punkt, aber ich weiß, solange ich mich nicht dazu durchgerungen habe, kann ich mich nicht schlafen legen. Immer wieder bete ich stumm das Mantra vor – Du bist nicht hier! Du bist nicht hier! Du bist nicht hier!

Ich zwinge mich dazu, hindurch zu blicken. Der Flur ist leer und dunkel. Ich atme laut auf und überprüfe noch schnell die zwei Schlösser an der Tür. Abgeschlossen. 

In meiner Handtasche neben der Tür suche ich nach einem Pflaster und klebe den Spion zu. 

Endlich ist es soweit. Ich taste nach dem Lichtschalter und die nackte Glühbirne über mir leuchtet auf. Langsam kehre ich ins Wohnzimmer zurück, schalte auch da das Licht ein und lasse mich auf die Matratze plumpsen. 

Mein Blick gleitet über die kahlen Wände. Ich darf mir keinen Fehler erlauben. Nicht den geringsten. Kein Kontakt zu meinen früheren Bekannten, keine sozialen Medien, kein Kontakt zu meiner Familie. Es wird hart und einsam. Aber wenn ich es schaffe, wird das mein neues Leben. Mein neues Leben ohne dich. Ich muss alles daran setzen es zu schaffen, denn ich weiß, du wirst alles daran setzen mich zu finden. Dass ich dir entkommen bin, wird dich noch gefährlicher machen. Es wird dich noch wahnsinniger machen und vielleicht wirst du dadurch endlich unvorsichtiger. Vielleicht haben wir jetzt die Rollen getauscht. Vielleicht bist du jetzt derjenige, der Fehler begeht und  endlich auffliegt.

Ich kann nur hoffen, aber ich werde die Hoffnung nie aufgeben.

Ein kleines Dankeschön

Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit. 

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