Wut

Eine Frau steht auf der Straße und brüllt aus Leibeskräften.

Mit geballten Fäusten stand ich ihm in der Küche gegenüber. Ich schnaubte und in meinen Ohren hörte ich meinen Puls rasen.

„Das hast du jetzt nicht gesagt!“ ,schrie ich ihm ins Gesicht. 

Er zuckte selbstgefällig mit den Schultern und wiederholte nochmal: „Wenn du gehst, brauchst du nicht wieder zu kommen!“

Das konnte er doch nicht ernst meinen! Seine Eifersucht war schon immer zu viel, doch was er jetzt von mir verlangte, ging definitiv zu weit. Von Anfang an hatte seine Eifersucht an mir genagt, es uns in einigen Situationen verdammt schwer gemacht, uns schon einige Male fast auseinandergetrieben. Er weiß ganz genau wie sehr er mich damit verletzt und wenn er wieder bei klarem Verstand ist, tut es ihm jedes Mal leid. Dann weiß er, dass es ein Problem ist, welches er angehen muss. Wenn nicht, würde er unsere Liebe zerstören. 

Ich habe versucht, ihm beizustehen, habe ihn Regeln aufstellen lassen, die es ihm leichter machen sollten, habe mich in einigen Sachen eingeschränkt. Ja, ich habe sogar Kontakte vernachlässigt oder sogar fast ganz abgebrochen. Ich dachte, ich helfe ihm damit. Kann ihn an die Hand nehmen und ihm beweisen, wie stark meine Liebe zu ihm ist. Ich dachte, ich kann ihn unterstützen, dass wir das Problem gemeinsam angehen und besiegen. Langsam, dachte ich. Er braucht nur Zeit. Wir gehen es ruhig an. Schritt für Schritt.

Gab mir Mühe ihn zu verstehen. Aber es änderte sich nichts. Er änderte sich nicht. Es war ein Teufelskreis, der letztendlich unsere Liebe Stück für Stück vergiftete und ich musste machtlos dabei zu schauen. Auch die stärkste Liebe kam irgendwann an ihre Grenzen. Es machte mich wahnsinnig wütend, dass er das nicht sah. 

So standen wir uns gegenüber. Jeder in seiner eigenen Wut gefangen, ohne einen Ausweg zu finden. Ich wollte ihm so gerne wehtun. Ihm einen Satz nach dem anderen an den Kopf schleudern, bis er am Boden liegen würde. Einfach nur etwas Abscheuliches sagen, damit er endlich merkte, wie sehr er mir wehgetan hat. Die Gedanken erschraken mich nicht mal. Ich war buchstäblich rasend vor Wut. 

„Es ist der Geburtstag meiner Schwester! Was denkst du denn, was ich da machen werde?“

„Ohne mich gehst du nicht in einen Club. Punkt!“

Ich starrte ihn fassungslos an. Meine Schwester wollte nur einen kleinen Mädelsabend in einem Club verbringen. Nichts Dramatisches. Sie war in festen Händen und die beiden Freundinnen, die mitkamen, auch. Das wusste er. Keine von uns würde auf die Idee kommen irgendeinen fremden Typen abzuschleppen und unsere Beziehungen damit zu gefährden. Da würde auch der böse Alkohol nichts dran ändern. Wir würden nicht mal im Traum daran denken, aber in seinen Augen könnte ich mich wohl nicht schnell genug an irgendeinen Typen ran machen, vor allem wenn ich mit seinem Feindbild, meiner Schwester, unterwegs bin. 

„Du hast doch einen Knall! Ich lasse mich nicht einsperren! Wenn du mir immer noch nicht vertraust, dann leck mich doch!“, schrie ich ihm entgegen, drehte mich um und ging ins Bad.

Ich hasste jede Träne, die mir die Wangen hinab lief. Warum vertraute er mir nicht? Was machte ich nur falsch, dass ich in ihm so ein Misstrauen auslöse? Ich verstand das einfach nicht. 

Ich war noch nie ein leichtes Mädchen gewesen. Bei mir gab es nichts zu holen beim ersten Date, das hat er selbst erlebt. Er brauchte Geduld und einen langen Atem, um mir irgendwie an die Wäsche gehen zu können. Es machte mich fassungslos, dass er trotzdem so ein Misstrauen in mich hatte. Sein Spruch war immer wieder, dass er mir ja vertraue, aber den anderen Männern nicht. 

Zum Fremdgehen gehören doch immer zwei. Wenn ich nicht wollte, könnten sich die anderen Männer auf den Kopf stellen. Aber das zählte alles nicht. Mich kotzte es so an.

Hastig wischte ich mir die Tränen ab. Meine Augen waren rot und geschwollen. Hoffentlich würde das innerhalb von zwei Stunden abklingen. Auf unangenehme Fragen hatte ich keine Lust.

Ich würde den Abend genießen. Den Schmerz weit von mir schieben. Einfach mal wieder einen lustigen Weiberabend erleben und alles weg tanzen. Ja, genau so würde ich das machen. Wenn dieser Abend das Ende unserer Beziehung bedeuten sollte, dann sollte es wenigstens für einen schönen Abend sein. 

Ich bin eine unabhängige, freie, junge Frau, kein Tier, was in einem Käfig gehalten wird und nur zum Spielen oder kuscheln herausgenommen wird. Ich habe einen eigenen Willen, der respektiert werden sollte.

Ich nickte mir selber im Spiegel zu, nahm meine Schminkkörbchen und fing an mich fertigzumachen. Meine langen blonden Haare steckte ich mir aus dem Gesicht und trug Schicht für Schicht auf. Von allem nahm ich ein wenig zu viel, aber es war mir egal. Im Club würde es dunkel genug sein, dass es keinem auffiel. Meine Haare stylte ich mit einem Lockenstab. Wenn schon, denn schon, nicht wahr? Zwischendurch hörte ich immer wieder, wie Klaus zur Badezimmertür kam und davor stehen blieb. Was er da draußen trieb oder ob er lauschte, wusste ich nicht. Er könnte jeder Zeit hereinkommen. Ich hatte die Tür nicht abgeschlossen, aber ich wusste, dass er das nicht tun würde. So tickte er nicht. 

Klaus konnte nicht einfach einen Streit beenden und auf mich zugehen. Es dauerte manchmal ewig, bis er merkte, dass er falsch lag.

Und wenn es endlich so weit war, knallte ihm die Erkenntnis so stark ins Gesicht, dass er sich zu sehr schämte, um den ersten Schritt zu wagen. 

Es war immer das Gleiche. Ich war in dieser Beziehung die Stärkere von uns beiden, obwohl ich mir nicht selten gewünscht hatte, es wäre nicht so. Liebend gerne würde ich auch mal nach einem Streit in die Arme genommen werden und mir versichern lassen, dass alles ok ist und nicht so gemeint war, aber das würde ich bei Klaus nie bekommen. 

So vieles ist schon zwischen uns passiert. Wir haben Höhen und Tiefen erlebt. Mit jedem Tag ist unsere Liebe stärker geworden. Mächtiger. Doch eine Beziehung brauchte Vertrauen. Vertrauen in die Liebe des Partners. So sehr ich mich auch anstrengte, konnte ich ihm nicht dabei helfen dieses Vertrauen in uns zu festigen. Ich bin gescheitert. Wir sind gescheitert. Es tat weh, aber so war es nun mal. 

Noch würde ich den Schmerz nicht erlauben mir zu nahe zu kommen. Seine Zeit wird kommen, aber nicht heute Abend. 

Ich spannte meine Schultern an, überprüfte mein Make-up noch mal im Spiegel und drehte mich zur Tür. Es war höchste Zeit sich umzuziehen und loszugehen. Ich musste hier raus. 

Schnurstracks ging ich vom Bad zum Schlafzimmer und nahm mir eine dunkle Jeans und ein weißes schlichtes Shirt raus. Ich hatte schon beim Styling übertrieben, da musste ich das nicht auch noch bei den Klamotten. Gerade als ich mir das Shirt über den Kopf zog, kam Klaus hinein.

„Ist dir der Abend wirklich wichtiger als ich? Als uns?“

Er stand direkt in der Tür und versperrte mir den Weg nach draußen. Mir war klar, was er mit den Fragen bezweckten wollte. Er legte die Entscheidung unserer Beziehung in meine Hände, damit er fein raus war. Damit ich in seinen Augen Schuld an der Zerstörung unserer Beziehung sein würde. Früher hat das immer geklappt. Früher war ich nie bereit den Schnitt zu machen, den ich von ihm auferlegt bekam.

Aber ich hatte ihn gewarnt. Irgendwann käme der Tag, an dem es zu viel werden würde. An dem ich nur den letzten Schritt gehen würde, weil alles schon längst zerstört war.

Wie er so da stand, gefangen in seiner Wut und Eifersucht, tat er mir schon leid. Die Liebe heilt nun mal nicht alle Wunden und besiegt alles. Die Erkenntnis traf mich tief, aber ich akzeptierte sie. 

Ich wendete den Blick von ihm ab und suchte auf dem Boden meine Tasche. Als ich sie fand, schnappte ich sie mir, aber ließ meinen Blick gesenkt. So stark war ich nun auch nicht ihm dabei in die Augen zu schauen. 

Meine Stimme war leise aber bestimmend, als ich sagte:

„Lass mich durch!“

„Du gehst nirgendwohin! Ich habe Nein gesagt.“

Verdattert schaute ich ihn an. Was wollte er dagegen unternehmen, dass ich ging? Ich ging einen Schritt auf ihn zu und beobachtete ihn dabei ganz genau. Er würde mir nichts tun, da war ich mir eigentlich ziemlich sicher. Ich ging noch zwei Schritte auf ihn zu.

„Lass Mich Durch!“ 

Wir starrten uns beide an und stachelten so unsere Wut nur noch weiter an. Mir war das alles zu viel. Ich drängte mich an ihm vorbei und stapfte in den Flur. Klaus kam mir hinterher und als er sah, wie ich mir meine Schuhe schnappte und sie anzog, flippte er komplett aus. Ich sah es nicht kommen. Erschrocken hüpfte ich ein paar Zentimeter zurück, als der erste Gegenstand an mir vorbei gegen die Haustür flog. Bis ich erkannte, dass er einen Bilderrahmen nach dem anderen in meine Richtung schmiss, lagen schon drei davon zerbrochen vor der Tür. Er schmiss unsere Bilder nach mir. Die Bilder, die sonst an der Wand hingen und die Chronik unserer Liebe waren. 

„Du hast sie doch nicht mehr alle. Du gehörst in Therapie!“, schrie ich ihm entgegen. 

Schnell schnappte ich mir meinen Mantel und riss die Tür auf. Ich ließ ihm keine Zeit zu reagieren. Schnaubend stampfte ich raus in den Regen. Ich hatte nicht mal richtig den ersten Fuß raus auf die Straße gesetzt, schon war ich nass bis auf die Haut.

Der Regen prasselte auf mich nieder und schlug auf dem Boden Blasen. Meine Haare klebten mir sofort am Gesicht. Jeder normale Mensch wäre so schnell wie möglich zu seinem Auto gerannt, um das schlimmste zu vermeiden, doch ich blieb stehen und begrüßte jeden Tropfen, der auf mich nieder ging. Die Welt war genauso sauer wie ich auf das Geschehene und zeigte es sehr deutlich mit seiner Naturgewalt. Der Wind peitschte den Regen noch mal so richtig auf. Und ich? 

Ich drehte mich um, streckte beide Mittelfinger dem Haus entgegen und schrie. Schrie, bis mir die Kehle brannte. Dieser verlogene Dreckskerl konnte mit mir nicht mehr das machen, was er wollte. Ich machte da nicht mehr mit!

„Fick dich, du gottverdammtes Arschloch!!!“

Ein kleines Dankeschön

Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit. 

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