Schnee

Triggerwarnung Schnee
Diese Kurzgeschichte enthält sensible Thematiken wie z.B. Tod, Depression, Trauer. Falls dir diese Themen gerade nicht gut bekommen würden, lies diese Geschichte bitte nicht weiter.
In eine dicke Decke eingemurmelt sitze ich auf der Couch und schaue durch das Fenster dem Schneetreiben zu. Dicke Flocken lassen sich auf mein Fensterbrett nieder und genauso wie sie draußen fast jedes Geräusch verschlucken und die winterliche Stille verbreiten, ist es auch in diesem Zimmer. Nur das Ticken meiner Wanduhr dringt an mein Ohr und das auch nur, wenn ich es zulasse, denn eigentlich möchte ich gar nichts mehr hören. Gar nichts mehr wahrnehmen. Die kleinste Empfindung ist mir zu viel und lässt mich erzittern. Die Decke, die ich um mich geschlungen habe, sollte mir Wärme spenden, genauso wie die große Tasse Tee, die ich in meinen Händen halte, aber nichts davon dringt durch die Kälte, die von mir Besitz ergriffen hat.
Ich könnte genauso in einer Sauna sitzen und würde immer noch schlottern.
Mein Blick bleibt an einer Flocke hängen, die sich auf die Fensterscheibe gesetzt hat und langsam anfängt zu schmelzen. Ich wünschte, ich wäre diese Flocke. Ich wünschte, ich könnte mich hier, während mein Körper langsam auftaut, weg in einen Tropfen Wasser verwandeln, der langsam in die Couch sickert und so verschwindet. Keine Gefühle, keine Emotionen, vor allem keine Einsamkeit könnten mich mehr überrumpeln und mich schmerzhaft wissen lassen wie erbärmlich mein Leben mittlerweile doch ist. Selbst meine Tränen sind einsam und laufen nur einzeln meine Wangen hinab. Keine verbindet sich mit einer anderen. Jede für sich sucht, sich ihren Weg mein Gesicht hinab.
Ein einzelnes Schluchzen aus meiner Kehle durchbricht die Stille. Ich möchte das nicht. Am liebsten würde ich wieder hinaus gehen und mich der Kälte ausliefern. Die Kälte die, die Macht hat alles zu betäuben. Nicht nur meinen Körper, sondern alles. Meine Gefühle und meine Gedanken.
Doch ich darf es nicht.
Nicht wegen mir, sondern wegen ihm. Ihm habe ich es versprochen. Ihm habe ich das Versprechen gegeben, nicht freiwillig von dieser Welt zu gehen.
Aber es ist so verdammt schwer. Es ist so grausam und keiner von uns wusste, dass es fast unmöglich sein würde, es auszuhalten. Wir hatten keine Ahnung, was die Zukunft für uns bereithalten würde. Das sie ihre volle Grausamkeit über uns ausbreiten würde. Es ist ein Segen, dass wir es nicht wussten. Das wir jeden Moment den wir zusammen hatten unbeschwert und voller Liebe nutzen konnten.Wie ein Güterzug kommt die Erinnerung auf mich zugerast und auch wenn ich wollte, könnte ich sie nicht aufhalten, also heiße ich sie willkommen, stürze mich fast waghalsig hinein, auch wenn ich weiß, dass ich es im Nachhinein bereuen werde. Der Schmerz, der jetzt schon kaum auszuhalten ist, wird danach umso heftiger um sich schlagen.
Als Erstes steigt mir sein Duft in die Nase. Sein herrlicher unverkennbarer Duft, der in mir immer das Gefühl von zu Hause weckt. Von Sicherheit und Geborgenheit. Ich schließe meine Augen und sauge den Duft tief in mich auf und auf einmal bin ich wieder in seinen Armen. Seine starken Armen umschließen mich und ziehen mich zu ihm herunter. Seufzend lege ich meinen Kopf auf seiner Brust ab und nehme alles in mich auf.
Seine Körperwärme die mich sofort umschließt und tief in mich eindringt. In jede einzelne Zelle und sie wieder zum Leben erweckt. Sein weiches Brusthaar kitzelt mich leicht an der Wange. Durch meinen Atem bewegt es sich leicht hin und her. Stundenlang könnte ich diesem Schauspiel folgen. Seine Finger malen leichte Kreise auf meinen Rücken und hinterlassen eine prickelnde heiße Spur. Ich spüre und höre gleichermaßen seinen Herzschlag. Ein leichter Schauer durchfährt mich. Ich schließe wohlig meine Augen um jede noch so kleine Empfindung, die dieser Augenblick in mir auslöst, aufzusaugen und für immer in mir zu verwahren. Dieses vollkommene Glück, die Liebe, Zufriedenheit, sich als Ganzes zu fühlen. Alles breitet sich in mir aus, ich nehme es dankend an und versuche es, in gleichen Maßen zurückzugeben.
Ich hebe meinen Kopf und schaue in die Augen die mir alles bedeuten. Die gleichen Empfindungen, die ich spüre, strahlen seine blauen Augen aus. Fast ehrfürchtig hebe ich meine Hand und lege sie ihm auf die Wange. Jedes noch so kleine Detail in seinem Gesicht huldige ich. Die kleinen Fältchen um seine Augen, die kleinen Mimikfalten um seinen Mund, die etwas zu buschigen Augenbrauen, selbst die etwas zu großen Poren auf seiner Nase, sein langsam zurückgehender Haaransatz.
Er ist der Mann, der tief in mein Herzen eingedrungen ist. Einfach über jede Mauer, die ich mir in meinem Leben aufgebaut habe, rübergesprungen ist, als wäre es das Leichteste der Welt und mich erobert hat. Ein Lächeln umspielt seine Mundwinkel und ich kann nicht anders als ihn anzugrinsen. Manchmal kann ich es gar nicht fassen, dass ausgerechnet ich diese tiefe, verbundene Liebe gefunden habe und spüren darf. Jeder auf der Welt wünscht sich seine wahre Liebe zu finden und nicht gerade wenige haben das Pech ihr niemals zu begegnen.
Wir wissen beide, was für ein unsagbares Glück wir haben und halten es ganz doll fest.
„Ich liebe dich!“, sage ich voller Überzeugung und doch weiß ich, dass diese drei Wörter meinen Gefühlen zu ihm nicht gerecht werden. Keine Wörter auf der Welt haben die Kraft, auszudrücken wie stark mein Herz für ihn schlägt, und so beuge ich mich zu ihm runter und versuche all das was ich nicht aussprechen kann in einen Kuss zu legen. Wir offenbaren unser innerstes in diesem Kuss und nehmen es in uns auf. Ich spüre wie er all meine Gefühle erwidert.
Langsam lösen wir uns wieder und auf einmal überkommt mich eine Melancholie. Eine unfassbare Angst, dieses Glück, irgendwann zu verlieren, schraubt sich tief in mein Herz. Atemlos platzt es aus mir heraus.
„Ich brauche dich, Baby. Ein Leben ohne dich kann ich mir nicht mehr vorstellen.“
Stirnrunzeln schaut er mich an und versucht meinen Stimmungswechsel zu verstehen.
„Keine Ahnung. Ich habe auf einmal wahnsinnige Angst dich zu verlieren.“, versuche ich mich zu erklären, während mir schon eine Träne entflieht. Zärtlich fängt er sie auf und schüttelt mit dem Kopf.
„Niemand von uns wird dem anderen freiwillig folgen. Wir nehmen das Leben so hin, wie es kommt. Versprich mir das!“, sagt er und schaut mich dabei tadelnd an.
Sofort bereue ich, was aus mir herausgesprudelt ist. Er weiß seit seiner Kindheit genau was für ein großes Loch ein Selbstmord bei den Hinterbliebenen hinterlässt.
Es war ja auch gar nicht so gemeint, obwohl alleine der Gedanke daran ihn zu verlieren mir die Tränen in die Augen schießen lässt und mir Gänsehaut im Herzen verursacht.
Ich nicke heftig und verspreche es ihm, bevor ich meine Lippen wieder auf seine lege.
Doch da sind keine Lippen mehr. Kein warmer Körper. Er ist weg und das schon seit Jahren. Meine Sehnsucht zu ihm ist nicht weniger geworden. Ich habe meinen Seelenverwandten verloren und muss damit irgendwie zurechtkommen. Diese Leere seitdem ertragen und lernen mit ihr zu leben.
Meine Tränen haben sich vereint, während ich wieder im Hier und Jetzt gelandet bin und dem Schneetreiben wieder meine Aufmerksamkeit schenke. Wie kann so etwas weißes, weiches so grausam sein? Der Schnee bedeckt die Natur und beschützt sie vor der Kälte. Er dämpft die Geräusche und sieht so lieblich aus. Aber er hat zwei Gesichter. Er kann grausam und hart sein. Dir alles nehmen was dir lieb und teuer ist und dich dabei mit seiner Stille verhöhnen. Ich hasse den Schnee. Ohne ihn wäre ich noch ganz. Ohne ihn wäre ich noch Teil eines wunderbaren Ganzen. Ohne ihn wäre mein Leben nicht so voller Schmerz und Trauer.
Heftige Schluchzer schütteln mich. Halt suchend greife ich nach einem Kissen, umarme es und vergrabe darin mein Gesicht. Der Schmerz des Verlustes hat mich jetzt fest in seinen Klauen. Ich kenne dieses Spiel schon zu genüge und weiß ,dass ich nie lange aus seinen Klauen entrinnen kann. Meine Kräfte, dagegen anzukämpfen lassen Tag für Tag nach und ich habe Angst, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem mir mein Versprechen nichts mehr Wert ist. An dem all meine Kraft aufgebraucht ist und ich mich ergebe.
„Ich hasse dich!“ ,schreie ich wütend dem Schnee draußen entgegen und erschrecke selbst an meiner Stimme.
Kraftlos sinke ich in mich zusammen und lasse den Tränen gespickt mit Schluchzern freien lauf.
Kleine Tapse auf den Dielenboden holen mich aus meinem Loch.
„Mama was ist denn los?“, fragt mich mein kleiner Sohn schlaftrunken.
Hastig wische ich mir mein Gesicht trocken und breite meine Arme aus. Sofort kommt er auf mich zu gerannt und hüpft zu mir unter die Decke. Ich ziehe ihn ganz fest an mich und gebe ihm einen Kuss auf seine goldenen Haare, die er von seinem Vater hat.
Er ist mein Rettungsanker. Das größte und letzte Geschenk von dem Menschen der mir bis dahin alles und noch mehr bedeutet hat. Ein Geschenk, von dem er nie erfahren hat. Aber dennoch eins was mich gerettet hat und mir täglich zeigt, wofür es sich lohnt stark zu sein, egal wie schwer es auch sein mag.
So vieles erkenne ich an meinen Sohn wieder. Einiges welches mir sofort die Tränen in die Augen schießen lässt und einiges was mein Herz fast zum Platzen bringt vor Liebe.
„Komm, wir schreiben einen Brief an Papa. Heute ist er schon 6 Jahre im Himmel und er freut sich bestimmt, zu lesen, was es neues bei uns gibt.“
Ein kleines Dankeschön
Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit.
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