Nebel

Sarah fuhr wie jeden Tag die Landstraße entlang auf Arbeit. Wie im Herbst üblich kamen die Nebelschwaden von den feuchten Wiesen auf die Straße zugekrochen. Langsam und lautlos bewegten sie sich vorwärts und zogen Sarah in ihren Bann. Jedes Mal wenn sie an solchen Nebelbänken vorbeifuhr, verspürte sie einen immensen Drang anzuhalten, auszusteigen und hinein zu laufen. Irgendetwas zog an ihr. Sie wusste, eines Tages würde sie nicht mehr widerstehen und anhalten. Egal ob sie zu spät auf Arbeit kommen würde oder verloren ging. Tief im Inneren war ihr klar, wenn sie den Drang nach gab, änderte sich ihr ganzes Leben. Das spürte sie. Eines Tages war sie dafür bereit, jetzt aber nicht. Heute nicht und auch nicht gleich morgen.
Und so fuhr sie weiter, jedoch nicht ohne noch einmal einen Blick tief in den Nebel zu schweifen und sich zu fragen, was er wohl vor ihr verbarg.
Tage vergingen, die zu Wochen wurden. Früh fuhr sie an den Nebelbänken vorbei, freute sich, sie zu sehen, verabschiedete sich mit einem Lächeln und einen geflüsterten „Irgendwann“. Sie kam sich nicht komisch dabei vor. Für sie war es zu real. Sie nahm es hin.
Der Herbst schlich in den Winter über, der Nebel wich dem Schnee und Sarah vergaß seine Anziehungskraft. Ihr Leben lief weiter, mit den kleinen und großen Dramen, die es zu bewältigen gab.
Die Schneeschmelze trat ein, die ersten Schneeglöckchen bahnten sich ihre Wege, der Frühling klopfte an.
Sarah freute sich auf die wärmer werdenden Tage, dass die Natur aus ihrem Winterschlaf jeden Tag mehr erwachte und ihre Schönheiten erneut zur Schau stellte. Den Reiz des Nebels hatte sie komplett vergessen, daher traf es sie wie ein Schlag, während sie eines früh wieder ihre übliche Strecke fuhr, um eine Kurve bog und die ersten Nebelschwaden sah.
Wie feine durchsichtige Schleier wogen sie kurz über den Boden. Alles sah so friedlich aus und wunderschön. Einfach perfekt.
Somit schien es klar. Der Tag war gekommen. Sarah fuhr rechts in einen kleinen Feldweg rein und hielt an. Durch die Windschutzscheibe sah sie die Dunstschwaden sich bewegen. Sie pulsierten wie ein Herzschlag, zogen sie sich zusammen und wogen wieder auseinander. Sie beobachtete das Schauspiel eine ganze Weile, ohne nur einen Gedanken zu entwickeln. Sie saß schlichtweg nur in ihrem Auto, sah raus und ließ alles auf sich wirken.
Irgendeine Präsenz versteckte sich dadrin und rief nach ihr. Mit jeder Faser ihres Körpers verspürte sie es. Es war friedlich, keine Gefahr drohte, das war Sarah von Anfang an klar. Anders war es gar nicht möglich. Ohne den Blick abzuwenden, öffnete sie die Tür und stieg aus. Schritt für Schritt lief sie hinein in den Nebel. Die Autotür ließ sie offen stehen, der Schlüssel steckte noch im Zündschloss und ihre Tasche mit dem Handy lag auf dem Beifahrersitz.
Es war nicht so, dass Sarah sich nicht darum scherte. Sie schenkte diesem keinerlei Beachtung. So wie sie den Nebel Tag für Tag vergessen hatte, nachdem sie ihn hinter sich ließ, vergaß sie jetzt die Tatsache, dass sie mit dem Auto unterwegs war.
Immer tiefer lief sie hinein. Schier endlos schien die Wiese und überhaupt nicht so wie in ihrer Erinnerung. Langsam bildete sich mitten auf der Wiese Umrisse eines kahlen Baums. Mit jeden Schritt wurden die Äste größer, dicker und deutlicher. Es sah aus, als ob er jede Sekunde und mit jeden Schritt den Sarah ihm näher kam, größer und breiter wuchs. Da wo in einem Augenblick nichts war, wuchsen neue Zweige, die dann zu Ästen wurden. Mittlerweile nahm er fast den ganzen Horizont ein. Zwei Vögel umkreisten ihn mehrmals, bis sie sich auf einen Ast niederließen.
Die Schwalben schienen sie gespannt zu beobachten, wie sie immer näher kam. Sarah konnte den Blick nicht von ihnen abwenden. Kurz bevor sie den Baum erreichte, bildete sich direkt vor dem Stamm eine gemütlich aussehende dicke Moosschicht. Sie sah zu einladend aus, um sich nicht darauf nieder zu lassen. Sarah setzte sich im Schneidersitz und lehnte sich an dem Stamm, der sich perfekt an ihrem Rücken schmiegte.
Das Moos hätte feucht und kalt sein müssen, aber es war warm und trocken. Es schien so, als würden der Baum und die Erde alles ermöglichen, damit es Sarah so bequem wie möglich hätte. Sarah wunderte sich darüber nicht. Sie nahm es so hin, ohne zu hinter fragen und genoss, dass ihr dieses Wunder geschah. Mit geschlossenen Augen nahm sie jedes Gefühl in sich auf, während sie mit den Händen zart über das Moos strich, bis sie merkte das es sich auf beiden Seiten von ihr bewegte. Langsam aber nicht ängstlich, eher erfreulich öffnete sie die Augen und schaute erst zu ihrer rechten Seite und dann nach links.
Unbekannte Personen saßen auf einmal neben ihr. Links von ihr eine Frau. Ihr langes braunes Haar wehte leicht im Wind und ihre braunen Augen sahen sie freundlich an, bevor sie nach rechts von ihr wanderten. Sarah folgte den Blick und schaute direkt in grüne Augen mit einem goldenen Ring um die Pupille, die einem Mann gehörten der das gleiche Alter, wie die Frau zu haben schien. Beide sahen sich über Sarah hinweg an und strahlten sich an. Es war unverkennbar, dass sie sich kannten. Keiner sagte ein Wort und Sarah genoss die friedvolle Stimmung, die zwischen den beiden und überhaupt an diesem Ort herrschte.
Es war Liebe pur, die dieser Ort ausstrahlte und sie durchströmte. Hier war sie sicher, nichts betrübte ihre Gedanken.
„Hi wir sind Lisa und Gregor.“
Beide streckten Sarah die Hände hin. Lächelnd ergriff sie erst die Hand von Lisa und dann die von Gregor.
„Ich bin Sarah. Ein wunderbarer Ort nicht wahr?“
„Ja, jedes Mal wenn wir hier herkommen, sind wir ganz ergriffen.“
Sarah nickte. Dieser Ort wird nie sein Zauber verlieren, egal wie oft man hierher kommen würde. Jedes Mal aufs Neue haut er einen um, das verstand sie vollkommen.
„Man kann hier also öfter herkommen?“ ,fragte Sarah in der Hoffnung, sich immer hier die Liebe abzuholen, die sie für ihr Leben und den Alltag brauchte.
„Wir kommen öfter hierher. Für dich wird es nur ein einmaliger Besuch sein.“
„ Oh! Ok.“ Verwirrt schaute sie zwischen den beiden hin und her. Warum sollte sie diesen Ort verlassen, wenn sie wüsste ihn nie wieder zu sehen? Es war zu traumhaft, zu friedlich hier, um zu gehen. Es würde ihr das Herz brechen von hier weggehen zu müssen.
„Schau nicht so betrübt Sarah“ sagte Gregor und nahm ihre Hand in seine. Seine Berührung fuhr ihr sofort unter die Haut und traf sie mitten ins Herz. Auf ihrer anderen Seite legte Lisa ihren Kopf auf Sarahs Schulter ab und sagte:
„Dieser Ort ist nicht gemacht für trübe Gedanken. Lass dich von deinen Gefühlen leiten. Was fühlst du?“
„Frieden“ ,rutschte es ihr sofort raus. Erst danach merkte sie, dass es absolut der Wahrheit entsprach. Nie hatte sie sich friedlicher und geborgener gefühlt als in diesem Augenblick. So stellte Sarah sich den Himmel vor.
Kaum hatte sie, den Gedanken zu Ende gebracht standen Lisa und Gregor auf und reichten ihr die Hand. Sarah ergriff beide und ließ sich von ihnen hochziehen. Leichtfüßig stand sie auf ihren Beinen, obwohl sie lange im Schneidersitz gesessen hatte. Der Blick der beiden änderte sich. Beide schauten sie an, als ob sie ein Geheimnis ausgesprochen hätte. Sarah merkte, wie sich der Nebel langsam lichtete. Die Sonne gewann immer mehr an Kraft und löste die Nebelbänke Stück für Stück auf.
Lisa und Gregor stellten sich wieder neben Sarah und nahmen sie in den Arm. So schauten sie über die Wiese und beobachteten wie der Nebel sich Meter für Meter zurückzog. Aus einer Wolkenlücke strahlte ein dicker Sonnenstrahl vor ihnen, in den letzten hartnäckigen Nebel hinein.
Sarah war sich sicher, dass da ihr Auto stehen müsste. Langsam gewann die Sonne und die ersten Details wurden sichtbar. Blaue und rote Lichter blinkten um die Wette. Jede Sekunde, die verging, offenbarte ein neues Stück, bis sie die ganze Szene klar sah.
Ein Krankenwagen. Ein Notarztwagen. Etliche Feuerwehren und eine Reihe von Polizeiautos. Alles stand kreuz die quer auf der Straße verteilt. Polizisten bewegten sich auf der Straße und riegelten sie ab. Feuerwehrmänner liefen hektisch hin und her. Ein Notarzt rannte mit einen gigantischen Rucksack vom Rettungswagen.
Und dann erblickte sie ihr Auto. Es stand nicht auf den kleinen Feldweg, auf dem sie es geparkt hatte. Es war überhaupt kaum noch zu erkennen. Dort wo die Motorhaube war, ragte ein riesiger Baum heraus. Das Auto hatte sich um den Baum geschlungen, als existierte es nicht ohne ihm. Eine Frontscheibe gab es nicht mehr. Da hatte sich ein dicker Ast hineingebohrt. Direkt in der Mitte und kam durch die Heckscheibe wieder hinaus.
Überall lagen Glassplitter. Etwas weiter weg erkannte sie sogar das vordere linke Rad. Sarah drehte sich um und schaute die beiden fragend an.
„Ist das wirklich? Was ist passiert?“
„Es ist ein wunderbarer Ort. Du hast Recht Sarah. Frieden“ sagte Lisa, schenkte ihr das größte Lächeln, was sie je gesehen hat, und wendete sich dann Gregor zu.
Gregor nahm Sarahs Gesicht in die Hand und schaute ihr tief in die Augen, während er sprach.
„Du musst gehen Sarah. Hab keine Angst.“
Er küsste ihr auf den Scheitel und ließ sie los. Sie nickten ihr zu und bedeuteten Sarah, dass es an der Zeit war diesen Ort zu verlassen.
Sie sah an den beiden vorbei zum Baum und prägte ihn sich vom Stamm bis zur Krone ein, bevor sie Lisa und Gregor zunickte und sich umdrehte.
Die Szene vor ihr wirkte beängstigend und doch spürte sie keine Angst. Es war zu weit weg, um real zu sein. Es kam ihr vor wie eine andere Welt. Auf beiden Schultern spürte sie Hände, die sie leicht nach vorne drängten.
Wie ein kleiner Schubs fühlte es sich an. Sarah setzte ihren ersten Schritt. Den ersten Schritt in ihre Welt zurück.
Ein kleines Dankeschön
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