Prolog
Wir sollen keine Regung zeigen. Keine Angst, keine Unsicherheit. Den Erwachsenen sofort gehorchen und antworten, wenn sie fragen stellen aber ansonsten leise sein. Keinen Mucks von uns geben und starr nach unten auf den Boden schauen.
Nur ein kleiner Test. Es dauert nicht lange und kaum sind wir da, sind wir schon wieder zu Hause.
Das wurde uns gesagt. Mehr nicht.
Ich mag nicht hier sein, auch wenn ich das keinem sagen würde. Es ist nur ein Test. Jedes Kind war schon mal hier. Niemand stellt Fragen. Niemand spricht darüber. Das rasende Herz unter Kontrolle bringen. So wie es mir beigebracht wurde. Niemand hört auf das dumme Herz.
Verstohlen blicke ich nach links und rechts. Alle stehen still da und schauen zu Boden. Neben mir steht mein bester Freund und das beruhigt mich. Ich bin nicht alleine hier also sollte ich mich lieber schnell in den Griff bekommen.
Dieser Ort ist wie jeder andere. Nichts Ungewöhnliches. Alles um uns herum ist kahl, in allen Ecken hängen Kameras auf uns herunter. Ihnen entgeht nichts. Weiße Wände, weißer Fußboden, weiße Decke, weiße Türen. Nichts, was den Fokus ablenkt. Nichts, was mich zerstreut und mich noch hibbeliger macht. Lange werde ich nicht mehr ruhig dastehen können. Ich spüre schon wie meine Beine und Arme anfangen zu kribbeln. Immer gebe ich mir so eine große Mühe, aber ich schaffe es einfach noch nicht so lange wie die anderen.
Endlich werden wir aufgerufen. Gleichzeitig drehen wir uns alle um und gehen Richtung Tür. Augen auf den Rücken des Vordermanns und sich dem Tempo anpassen. Niemals aus der Reihe treten oder woanders hinschauen. Die Routine beruhigt mich.
Wir treten durch die Tür. Verlassen den kahlen Raum, nur um in einen fast identischen zu kommen. Der Boden und die Wände sind wieder weiß gefliest. Grelle Strahler in jedem Winkel des Raums stechen in meine Augen. Vor uns sind mehrere kleine Abteile durch weiße Vorhänge abgegrenzt. In jedem ist ein Stuhl, ein Rolltischchen auf den Utensilien drauf liegen und ein Mann steht daneben. Mein dämliches Herzchen fängt wieder an zu rasen und ich kann kaum ein Zittern meiner Hände verstecken.
Wie schaffen das die Anderen immer, so ruhig und unauffällig zu sein? Ich zucke zusammen, als mein Name aufgerufen wird in einem Abteil links von mir. Ich hoffe, keiner hat meine Regung gesehen. Verstohlen schau ich ein letztes Mal zu meinen Freund und sehe, wie ein kleiner Muskel um seinen Mundwinkel kurz nach oben zuckt. Natürlich hat er es gesehen. Blödmann.
Ich gehe in mein Abteil und rieche den intensiven Geruch von Desinfektionsmittel. Das Stechen in meiner Nase lenkt mich sofort ab. Ich schaff das. Laut den Röhrchen neben mir auf den Wägelchen scheint es nur um mein Blut zu gehen. Das ist nichts Neues für mich. Uns wird ständig Blut abgenommen, um zu schauen, ob wir gesund sind und die Ernährung auf unsere Bedürfnisse abgestimmt ist. Na das hätten sie auch gleich sagen können.
Schnell sind drei Röhrchen voll und mir wird die Kanüle wieder rausgezogen. Ich soll noch sitzen bleiben, sagt der Mann bevor er mit meinem Blut verschwindet. Ein Kind nachdem anderen geht an mir vorbei. Sie dürfen gehen, doch ich sitze immer noch und warte. Niemand kam bisher zu mir oder beachtete mich in irgendeiner Art und Weise. Am liebsten würde ich mit den Beinen schaukeln, um mich wenigstens ein bisschen zu bewegen.
Die ganze Zeit war es ruhig hier. Ein leises Gemurmel, gedämpfte Schritte doch auf einmal wird es immer lauter um mich herum. Anstatt leise, quietschende Schritte durch die Gummilatschen auf den Fließen, sind jetzt laute, polternde Schritte zu hören. Mehrere Männer in glänzenden schwarzen Stiefeln bleiben vor meinen Stuhl stehen. Niemals einen Erwachsenen ohne Aufforderung ins Gesicht schauen! Ich versuche, meinen Blick starr nach unten zu halten. Einige Stiefelträger laufen an mir vorbei und bleiben ein paar Abteile neben meinen stehen.
„Mitkommen!“, höre ich von vor mir und auch aus dem Nebenabteil.
Schnell stehe ich auf und laufe den Stiefeln hinterher. Wir laufen nach rechts und ich sehe mehrere Männer in Gummilatschen in Gruppen zusammen stehen.
Ich verstehe das nicht. Habe ich etwas falsch gemacht? Habe ich aus Versehen Angst gezeigt? Habe ich gezappelt auf den Stuhl, ohne es mitzubekommen? Ich weiß manchmal habe ich die Augen, Beine und Arme noch nicht so unter Kontrolle wie ich es sollte. Meine Lehrer und Eltern schimpfen deswegen immer mit mir, aber ich dachte heute, hätte ich es geschafft. Ist es das? Bekomme ich jetzt nicht nur Schimpfe, sondern auch eine Strafe? Ich will nach Hause. Ich will an mir arbeiten. Wirklich. Doch wenn keinem etwas erklärt wird, wie soll man dann die Angst kontrollieren?
Durch einige Türen und ellenlange Flure laufen wir. Links, rechts, links, links, rechts. Immer wieder biegen wir ab und alles sieht so verdammt gleich aus. Irgendwann bleiben wir vor einer Tür stehen. Ich schiele schnell in alle Richtungen und sehe das nicht nur Stiefelträger hier stehen. Vor einer anderen Tür stehen kleine weiße Turnschuhe mit einem blauen Tintenstrich an der Seite. Er ist mit mir hier. So lange wir zusammen sind, kann es nicht schlimm sein. Die Türen vor uns werden geöffnet und ich werde hineingeschupst.
Hart lande ich auf den Boden. Diesmal sind es keine Fliesen.
Ein rauer Teppichboden kratzt mir die Handflächen und Knie auf. Sofort wollen mir die Tränen in den Augen schießen. Erschrocken drehe ich mich um. Der Spalt zwischen Tür und Wand wird immer weniger. Ich sehe nur noch die weiße gegenüberliegende Wand, bevor die Tür verschlossen ist und somit all das Licht vom Flur verbannt wurde. Ich hocke in einem stockdunklen Raum und versuche, den Schrei in meiner Kehle zu ersticken.
Ein kleines Dankeschön
Worte sind frei – doch das Schreiben braucht Zeit.
Wenn dir meine Geschichten gefallen, freue ich mich über eine kleine Unterstützung via PayPal. Jeder Beitrag hilft mir, weiterzuschreiben und neue Geschichten zum Leben zu erwecken.
